Die dunklen Ränder der Jahre

AutorIn

Erika Wimmer

Verlag

Folio

Erscheinungsjahr

2009

erster Eindruck

Spannende Menschenliteratur

Rezension

Erika Wimmer – gebürtige Boznerin, längst Österreicherin, Leiterin des Literaturhauses am Inn, Theater- und Prosaautorin – Erika Wimmer tut in ihrem neuen Roman etwas, was nicht oft gut geht: Sie spannt ihre Geschichte in eine straffe dramaturgische Konstruktion, strapaziert durchaus auch den Zufall, um sie ins Ziel zu bringen. Das Konstruierte, das Plansoll hat ja leicht etwas von der Aufdringlichkeit des Zeigefingers, die durchschimmernde Absicht kostet Leservertrauen. Diesmal aber geht’s gut: Erika Wimmer füllt die Konstruktion mit der ganzen Intensität und Dramatik, wie sie Menschenseelen hergeben können. Sie lässt sich nirgends von der Dramaturgie drängen, verhandelt die Zustände/Umstände mit jener Einlässlichkeit und Eindringlichkeit, dass Welt entsteht statt Botschaft, Person statt Posten; spannende Menschen-Literatur. Das geht natürlich nur mit einer poetisch entsprechend tauglichen Sprache: Wimmers Sprache ist erstaunlich ausdrucksstark, stilsicher, bildhaft (ohne dabei eitel zu sein).


Zwei Menschen mit beschädigter Biographie taumeln, stolpern aufeinander zu: Theresa sucht ihren leiblichen Vater und erwartet vom Treffen die entscheidende Wende in ihrem Leben; ihr Vater fürchtet panisch, bei solcher Gelegenheit in seine abgedrängte Vergangenheit zurückgeholt zu werden. Jeanluc Cornu ist als der Österreicher Lukas Peer gegen Ende des 2. Weltkriegs desertiert, hat als Flüchtling eine schwangere Frau verlassen und einen Menschen auf dem Gewissen; mit falschen Papieren konnte er sich in eine französische Identität retten, Familie gründen, Berufskarriere machen. Seine Vergangenheitsparanoia macht ihn so blind für die Realität wie Theresa ihre Zukunftseuphorie. In alternierenden Kapiteln treibt Wimmer ihre beiden Protagonisten ganz langsam ins Unvermeidliche, die erzählte Zeit umfasst kaum mehr als 24 Stunden, Theresa und ihr Vater werden zeitgleich beobachtet. Das macht Spannung. Theresa ist bereits in Montpellier, der neuen Heimat ihres Vaters, weiß Namen und Adresse.


Während beider Schlaflosigkeit, ihren geradezu bräutlichen Vorbereitungen, seinen blinden Fluchtanstalten legen Theresa und Cornu in Erinnerungen, Tagträumen, Ängsten und Hoffnungen ihre Biographien frei. Theresa kommt aus einem österreichischen Dorf (Mutter Näherin), frühzeitig und missbräuchlich von einem Nachbarn in die Sexualität eingeführt sowie in Hitlers Mein Kampf, „schon als Kind war sie ein Gefäß mit Loch, da nützte es auch nichts, dass sie ständig mit Nachfüllen beschäftigt war“, später Stewardess, fluktuierendes Liebesleben, „das ist das Gute an den Männern, dass man von sich wegkommt, wenn man erst einmal bei ihnen ist“. – Cornu hat sich in seiner neuen Heimat vom Hilfsarbeiter zum Unternehmer hochgearbeitet, großes Glück gehabt mit seiner Frau; ein Sohn, eine Tochter, ein Haus; Cornu ist passionierter Naturgeher, verheimlicht seine Depressionen wie seine Vergangenheit, schleppt neben dem Toten einen falschen Freund und einen Vater mit, der ihn nie richtig wahrgenommen hat und ganz froh über sein Verschwinden ist; Cornu verfällt jedes Mal in Panik, wenn er zufällig in Kontakt mit ÖsterreicherInnen kommt. „Krank ist bei ihm seit jeher nur der Kopf gewesen. Der wurde von Zeit zu Zeit von einem anderen befallen, der andere schien ein Tier zu sein, ein Hund am ehesten“, er selbst „ein aus Fleischwunden bestehendes Körperwrack“.


Obsessiv verrannt in ihre falschen Hoffnungen bzw. Ängste bringen sich Theresa und Cornu auf ihren absoluten Tiefpunkt, fast zu Tode, auf den vegetativen Rest ihres Lebens.



Fazit

Das Ende? Das Buch ist zwar kein Kriminalroman, aber so voll menschlicher Spannung, dass es hier nicht verraten werden soll. Der Rezensent empfand es als gescheit.

Umfang

268 Seiten

ISBN

3852564956

Preis €

22,50

RezensorIn

Helmut Gollner

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